Widerstände gegen die Messung von Produktivität


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Die Begriffe „Metriken“ oder „Messungen“ können Widerstände provozieren. Wie kann mit dieser Gegenwehr im Umfeld der Entwicklerproduktivität umgegangen werden?

Das Spektrum reicht dabei von klug formulierten Bedenken bis zu Schnappatmung 😉 Als ein Beispiel habe ich dieses Zitat mitgebracht:

Metriken sind per se nutzlos, sie können sogar schädlich sein. Außerdem sind Metriken nicht fehlerfrei, oft sind sie voreingenommen, verwirrend, veraltet oder sogar falsch. Eine Metrik ist eine Konsequenz der Art und Weise, wie Du etwas tust, also konzentriere Dich darauf, wie Du etwas tun, und nicht auf die Kennzahl. Würdest Du lieber aufgrund guter Gewohnheiten gesund bleiben oder jeden Tag Deinen Cholesterinspiegel messen, obwohl Du schlechte Gewohnheiten hast? Messen ist keine Lösung.

Dieser (von mir übersetzte) Kommentar ist mir bei LinkedIn begegnet. Als Reaktion auf einen wirklich nützlichen Beitrag zu Outcome-fokussierten Metriken von Entwicklungsteams. Und der Kommentar steht stellvertretend für viele Einsprüche und Widerstände.

Das in meinen Augen Interessante an dieser Reaktion ist, dass wahre Punkte mit mindestens bedenklichen Schlussfolgerungen gekoppelt werden.

Werfen wir einen Blick auf die einzelnen Aussagen und wie Antworten darauf aussehen können.

Metriken sind schädlich

Metriken sind per se nutzlos, sie können sogar schädlich sein.

Ja, das sehe ich auch so.

Für den Schaden hat der Kommentar-Autor noch ein Zitat angehängt: „Wenn man einem Manager ein zahlenmäßiges Ziel vorgibt, wird er es erreichen, selbst wenn er dabei das Unternehmen zerstören muss.“ William Edwards Deming hatte Humor.

Und ja, wenn die Metrik zur Zielzahl wird, kann das ein großes Problem werden. Das ist nicht erst seit Goodharts Gesetz bekannt: „Wenn ein Maßstab zum Ziel wird, hört er auf, ein guter Maßstab zu sein.“

Für mich ist das auch eine Frage der Incentivierung und wonach sich z. B. der Bonus einer Führungskraft bemisst und wie der Mensch versucht, dieses Ziel zu erreichen. Und das trifft nicht nur Führungskräfte. Die generelle Gefahr ist, dass das Verhalten eines Menschen sich ändert, sobald er weiß, woran er gemessen wird.

Ein weiterer bedenklicher Aspekt ist der Versuch, Teams auf Basis von Metriken und Messungen zu vergleichen. Im Rahmen eines hochkomplexen Themengebiets kann das nicht klappen. Jedes Team und jede Aufgabe sind unterschiedlich. Wäre jedes Team gleich zusammengestellt, hätte die gleichen Fähigkeiten sowie Voraussetzungen und würde an einem Fließband das immer exakt gleiche Stück Code herstellen, wäre eine Vergleichbarkeit möglich.

Doch so funktioniert Softwareentwicklung nicht. Da die Lösung nicht von Anfang an bekannt ist und die letztlich gefundene Lösung einzigartig ist, zeigt, dass die Ergebnisse von Entwicklungsarbeit weder einheitlich noch austauschbar sind.

Schlussendlich sind Entwicklerinnen und Entwickler vermutlich gebrannte Kinder, wenn es um eine Messung des Individuums geht. Auch hier gilt das gleiche Argument, wie bei der Vergleichbarkeit von Teams. Mache ich von der persönlichen Einzelleistung das jährliche Performance-Review und davon abgeleitet Punkte wie Karriere und Gehalt abhängig, wird die Organisation ganz andere Probleme bekommen. Der einzelne Mensch wird alles tun, um seine persönlichen Ziele zu erreichen und zerstört damit die gewünschte wertschöpfende Einheit des Teams.

Das alles bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass alle Messungen per se schlecht sind. Es bedeutet, dass die Bestimmung der erhobenen Metriken, deren Messung sowie die Nutzung der Ergebnisse sauber vorbereitet und kommuniziert werden müssen.

Metriken sind voller Fehler

Außerdem sind Metriken nicht fehlerfrei, oft sind sie voreingenommen, verwirrend, veraltet oder sogar falsch.

Da lege ich noch einen drauf: oder sie werden manipuliert.

Deshalb ist es wichtig, bei der Festlegung von Metriken eine kluge Auswahl zu treffen, alle Betroffenen und Beteiligten zu involvieren sowie glasklar zu kommunizieren, was mit einer Messung bezweckt und getan wird.

Zudem hat die Statistik seit sehr langer Zeit Werkzeuge entwickelt, um mit Fehlern, Lücken und Ungenauigkeiten umzugehen. Apropos Zahlen: ein gutes Set an Metriken beinhaltet neben quantitativen Messungen auch qualitative!

Und wenn bei einem Blick auf die Zahlen der Bauch sagt, dass aufgrund von anderen Beobachtungen etwas nicht stimmen kann: Messungen ersetzen nicht den gesunden Menschenverstand. Dann gilt es zu handeln und die Zahlen zu hinterfragen.

Metriken und Messungen lenken vom Problem ab

Eine Metrik ist eine Konsequenz der Art und Weise, wie Du etwas tust, also konzentriere Dich darauf, wie Du etwas tust, und nicht auf die Kennzahl. Würdest Du lieber aufgrund guter Gewohnheiten gesund bleiben oder jeden Tag Deinen Cholesterinspiegel messen, obwohl Du schlechte Gewohnheiten hast?

Und wie weiß ich, ob meine Arbeitsweise etwas ändert? Oder ob die Umstellung meiner Gewohnheiten eine Auswirkung auf meinen Cholesterinspiegel hat?

Mit Bauchgefühl? Dieses ist ja wohl kaum fehlerfrei, unvoreingenommen, klar, aktuell oder generell richtig. Wo wir es schon mit humorvollen Zitaten hatten, hier eines von Edwin R. Fisher: „Wir vertrauen auf Gott, andere müssen Daten liefern.“

Genau hier liegt einer meiner persönlichen Hauptgründe, mich mit Entwicklerproduktivität und deren Messung zu beschäftigen: ein Beweis der Wirksamkeit. Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Messungen lösen kein Problem

Messen ist keine Lösung.

Richtig. Messungen liefern Indikationen dafür, welche Auswirkungen Deine Lösungen haben.

Wie sollen wir ansonsten die Wirkung unserer Arbeit erkennen? Woran machen wir die Messbarkeit unserer Arbeit fest?

Was bleibt, ohne Nullmessung und nachfolgenden Messungen zur Ermittlung von erwarteten Veränderungen? Eine persönliche Einschätzung? Das gute Gefühl? 

Das ist in meinen Augen viel zu wenig. Und es schadet meiner Meinung nach sogar, da schlicht und ergreifend die Rechtfertigung für Veränderungsarbeit fehlt. Schlussendlich bewegen wir uns immer noch in einer Marktwirtschaft mit entsprechenden unternehmerischen Realitäten.

Fazit

Dieser Artikel hat einige Widerstände in Hinsicht auf Produktivitätsmessungen aufgegriffen und behandelt.

Was ich hier nicht adressiert habe, ist das uneinheitliche Verständnis des Begriffs Produktivität und die zu beobachtende Gleichsetzung von Produktivität mit Effizienz.

Diese synonyme Nutzung und die damit verknüpften Erwartungen machen Messungen in diesem Umfeld gefährlich. Trotzdem sind sie nötig als Maßstab, um die Wirksamkeit von Veränderungen einschätzen zu können. Zudem geben Metriken Hinweise auf mögliche Problemfelder, die analysiert und hinterfragt werden können.

Und das führt mich zu meinem frei nach Eisenhower umgeschriebenen persönlichen Fazit: Metriken sind nutzlos, aber Messen ist essenziell.

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